Opferhäuser heute

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“1. Unter diesem Motto hat Gunter Demnig die Stolpersteine in Kiel und anderen Städten ins Leben gerufen. Solche Stolpersteine liegen in vielen Straßen Kiels. Doch hat der Künstler damit sein Ziel erreicht, dass die Opfer des Nationalsozialismus auch wirklich nicht in Vergessenheit geraten? Zu dieser Frage muss man wissen, dass die Stolpersteine direkt vor den Häusern der NS-Opfer liegen. Es war ihr letzter gemeldeter Wohnsitz vor ihrem Tod. Die Geschichte kann keiner ändern, so bleibt sie auch heute noch in den Wohnungen und Häusern. Lediglich die Bewohner haben von Zeit zu Zeit gewechselt.

Wäre es nicht interessant zu wissen, wie sie heute mit den Geschehnissen, die sich vor ca. 70 Jahren in ihren Wohnungen und Häusern ereignet haben, umgehen?
Um genau das herauszufinden, haben wir uns am 19. und 20. Februar 2013 auf den Weg in die Opferhäuser gemacht, vor denen mittlerweile  Stolpersteine vor der Haustür verlegt sind.

 

Die meisten Bewohner wissen, dass vor ihrer Haustür die Messingsteine verlegt sind, jedoch ist nicht jedem bewusst, wofür sie stehen. Die 24-jährige Studentin Frau S., mit der wir gesprochen haben, zum Beispiel, wusste nicht einmal, dass dieser Stein vor ihrer Haustür existiert, geschweige denn, was seine Bedeutung ist. Auch nachdem wir sie über den Stein von Familie Bruck und ihrer Geschichte informiert haben, zeigten sich bei ihr keinerlei Emotionen, denn es „ist Vergangenheit, die Häuser sind renoviert“, so wie sie es ausdrückte. Des weiteren ist sie der Meinung, es sei zu lange her und man dürfe über so etwas nicht genauer nachdenken. Ganz anders sah es allerdings bei dem 75- jährigen Herrn K. aus, dessen Vater selbst im Krieg starb, wodurch er sich mit dem Thema auf eine besondere Art und Weise verbunden fühlt. Über die Bedeutung der Stolpersteine hatte ihn ein Zeitungsartikel aufgeklärt. Aber nicht nur die Medien sind es, die die Menschen informieren, sondern auch ganz übliche Straßengespräche sorgen dafür, dass das Wissen und die Bedeutung der Stolpersteine weitergegeben wird. So war es bei Fr. Jensen (41 Jahre) der Fall. Wir fragten sie daraufhin, wie sie sich bei dem Gedanken, in einem Opferhaus zu wohnen, fühle. Hierzu antwortete sie, es berühre sie sehr und nehme sie emotional mit, besonders auch da sie durch ihren Beruf als Geschichtslehrerin genauer mit dem Thema und den Grausamkeiten dieser Zeit vertraut ist.

 

Betrachtet man das Alter der Befragten und, in diesem Zusammenhang, deren Antworten genauer, so fällt auf, dass das Interesse und die Ausprägung der Emotionen zu den von Gunter Demnig verlegten Gedenksteinen unterschiedlich sind. Aufgrund von familiärer Verbundenheit beschäftigt sich der 75-jährige Mann viel mehr mit diesem Thema, als die 24-jährige Studentin, die keinerlei persönlichen Bezug dazu hat. Dies könnte der Grund sein, weshalb ihr Interesse schwächer ist.
Ob Gunter Demnigs Motto „Ein Mensch ist erst Vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ unter diesen Umständen noch zu halten ist, bleibt demnach fraglich, denn die Altersgruppe mit persönlichem Bezug zur Kriegszeit wird immer kleiner und irgendwann ganz aus unseren Kreisen verschwunden sein. Werden sich noch genügend junge Leute mit dieser Zeit beschäftigen, sowohl auf Ebene der Informationen als auch auf emotionaler Ebene? Das wird sich in der Zukunft zeigen.

Eigentlich ist es doch gerade wichtig, die Geschichte Kiels, Deutschlands, Europas, ja sogar der ganzen Welt, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, um zu verhindern, dass diese sich wiederholt!
So können wir nur hoffen, dass die Zahl derer, die der Meinung der 24-jährigen Studentin sind und denken, die Vergangenheit müsse vergessen werden, sehr gering bleibt.



1Zitat Gunter Demnig, Künstler der Stolpersteine