Nachbarschaften

Nachbarschaft wird im Allgemeinen als unmittelbare räumliche Nähe1 bezeichnet. Für uns jedoch hat das Wort Nachbarschaft eine wesentlich weitreichendere Bedeutung. So kann ein Nachbar nicht nur „der nette Herr von nebenan“ sein, sondern ebenfalls ein Freund, der einem mit Rat und Tat zur Seite steht und einem Hilfe und Unterstützung zukommen lässt. Nicht selten können selbst Familienmitglieder zur eigenen Nachbarschaft gehören. Doch wie auch in den meisten Familien, kann in Nachbarschaften nicht nur Liebe und Glück herrschen, sondern auch Feindseligkeit und Hass. Wo es hier und da mit kleinen Streitigkeiten beginnt, können aus Nachbarschaften sogar Feindschaften werden, die oft auf Gerüchten und anderen äußeren Einflüssen basieren.
Zu solchen äußeren Einflüssen können zum Beispiel religiöse als auch politische Hintergründe gehören. Bei einer gedanklichen Zeitreise durch die Geschichte der Menschheit, ist es besonders die Zeit des Nationalsozialismus, die in diesem Zusammenhang auffällt.


Hitler setzte seine Macht ein, um seinen Hass gegen die Randgruppen, nämlich Juden, Ausländer oder auch Homosexuelle und Behinderte, auf die Bevölkerung zu übertragen und seine Ideologie eines rein arischen Deutschlands umzusetzen2.
Er hatte großen Einfluss auf die deutsche Bevölkerung, weshalb viele Menschen unter seiner Regierung litten. Zu der großen Masse an Opfern gehörten auch viele Familien Kiels, an die heute die Stolpersteine erinnern.
Eine von ihnen war Familie Wallach, deren Stolpersteine erst vor Kurzem am Exerzierplatz in Kiel verlegt wurden. Die Geschichte der Wallachs kann uns eine Person noch heute ganz genau erzählen – Ruth Szugzdys. Die heute 92-jährige Dame war einst die Nachbarin der Familie und mit der Tochter Ursula Wallach gut befreundet. Sie selbst war keine Jüdin, lebte allerdings mit vielen in Nachbarschaft, da diese Gegend zu der Zeit auch als „Judenviertel“ bekannt war. Die Nachbarn unter sich hatten kein Problem mit Juden, denn es waren ja „Menschen wie wir“ 3. Das nebenan liegende Blumensamengeschäft der Wallachs war trotz des steigenden Drucks Hitlers ein zentraler Treffpunkt der Bauern, die selbst nach dem Boykott gegen die Geschäfte der Juden noch bei Hugo Wallach ihre Samen kauften. Erst durch die Reichsprogromnacht am 09.11.1938, in der viele jüdische Unternehmen vollständig zerstört und ausgebrannt wurden, ist auch Wallachs Samenhandel dem Nationalsozialismus erlegen.
Ruth Szugzdys und viele andere Nachbarn konnten das Handeln der SA und NSDAP-Mitglieder nicht begreifen. Hugo Wallach begriff allerdings in diesem Moment den Ernst der Lage und warnte vor Kontakt mit ihm, denn dieser könne durch die neuen Auflagen der NSDAP zu Schwierigkeiten führen. So sagte Herr Wallach bei einem Treffen im Kieler Schlosspark zu Ruths Vater: „Unterhalten Sie sich lieber nicht mit mir, es könnte Ihnen schlecht ausgelegt werden“4.
Nur wenige Tage später, verschwand Familie Wallach, nachdem ein Geschäftsnachbar ihn, seine Frau und Kinder verraten hatte. Dies ist ein typisches Beispiel für die Feindschaft und den Hass, die in der Nachbarschaft, neben der Freundschaft zwischen den Wallachs und der Familie von Ruth, herrschte. Über das Verschwinden von Familie Wallach gab es keine eindeutigen Informationen - „Sie waren einfach weg“5 - so Ruth Szugzdys. Und auch gesprochen oder spekuliert wurde darüber nicht, vielleicht aus Angst, vielleicht aus Unwissenheit.
Auf Verständnis für die Grausamkeiten des Nationalsozialismus kann man bei Frau Ruth Szugzdys nicht stoßen, denn wie könne es sein, meinte sie, dass Mitmenschen, die wenige Jahre zuvor für die Deutschen im ersten Weltkrieg gekämpft und ihr Leben riskiert haben, so wie auch Hugo Wallach und ihr Vater, nun von eben diesen verstoßen und mit aller Verachtung und Respektlosigkeit gequält und ermordet werden, um die jüdische Rasse zu vernichten.
Hier erkennt man, wie wichtig es ist, den Opfern der Nationalsozialisten eine Stimme zu schenken, um sie nicht zu vergessen.

 

 

 

 

 

 

2vergl. Film „Das waren Menschen wie wir",RBZ-Wirtschaft-Kiel Klasse BG13e und HU6, 2012

3Film „Das waren Menschen wie wir", RBZ-Wirtschaft-Kiel Klasse BG13e und HU6, 2012 

4Film "Das waren Menschen wie wir", RBZ-Wirtschaft-Kiel Klasse BG13e und HU6, 2012

5Film:„Das waren Menschen wie wir“, RBZ-Wirtschaft-Kiel Klasse BG13e und HU6, 2012 

 

 

Heute ist das Verhältnis von Christen und Juden in Kiel freundschaftlich geprägt. Eigens zur Pflege des nachbarschaftlichen Verhältnisses wurde z.B. 1962 die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Schleswig-Holstein gegründet.

Doch sind nach wie vor Vorurteile zu überwinden. Das ergaben Gespräche mit Betroffenen in unseren beiden Ausstellungen.